Die Musikfestspiele Saar feiern das »Instrument des Jahres«

Bernhard Leonardy hat auf der neu restaurierten Orgel der St.Mauritius Abtei zu Tholey zwei CDs eingespielt.

Auf der ersten CD sind Werke aus fünf Jahrhunderten zu hören, die sich auf das Choralthema »Lobe den Herren« beziehen.

Für die zweite CD hat Bernhard Leonardy Orgelimprovisationen über die drei Kirchenfenster von Gerhard Richter eingespielt.

Die CDs sind ab jetzt im Büro der Musikfestspiele erhältlich oder als Bestellung per Mail:

»Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!«
14,95 Euro

»Orgelimprovisationen über die Kirchenfenster von Gerhard Richter«
19,95 Euro

Eine Königin in neuem Glanze

Ist es nicht erfüllend und beruhigend zu erkennen, dass gerade in unserer heutigen immer schnelllebigeren Zeit alte Werte wieder stärker zur Geltung kommen – wie wir Ihnen wieder Beachtung und Aufmerksamkeit schenken, weil sie unsere Seele besonders berühren? Gerade aus der Achtung und Wertschätzung des historischen Erbes vergangener Generationen können wir Hoffnung für den Fortbestand unserer eigenen Werte in der Zukunft schöpfen. Nicht immer muss das Alte Platz für das Neue machen, denn Qualität hat Bestand!

Konzeption zur Renovierung und zum technischen Neubau der Orgel in der Benediktinerabtei St. Mauritius Tholey. Der prachtvolle, barocke Orgelprospekt geht auf den Orgelbauer Romanus Benedikt Nollet aus Trier zurück, der sich in den Jahren 1736–1738 in Tholey niederließ, um ein beeindruckendes Orgel werk mit 32 Registern, verteilt auf Rückpositiv, Hauptwerk und Pedal, zu erschaffen. Der Registerbestand dieses Orgelwerkes wurde leider durch die Truppen in der Französischen Revolution zerstört.

Das historische Orgelgehäuse hat in der Zeit, seiner immerhin schon über 280-jährigen Geschichte, nach dem Orgelbau von Nollet drei Orgelwerke beherbergt. Der letzte technische Neubau stammt aus den 1960er Jahren und wurde von der Firma Gebr. Oberlinger aus Windesheim ausgeführt. Dieses Instrument besaß 43 Register, verteilt auf drei Manuale und Pedal, also ein Manual und 11 Register mehr, als das Ursprungswerk von Nollet. Dabei wurde das Niveau des Hauptwerk-Gehäuses hinter dem Brüstungsgehäuse um ca. 85 cm angehoben und vermutlich auch nach hinten versetzt. Auf diese Weise wurde ein ganz neues Erscheinungsbild in der Proportion der beiden Orgelgehäuse zueinander geschaffen.

Aus heutiger Sicht ist es wichtig zu wissen, dass im Orgelbau die 1950er und 1960er Jahre eine Zeit des Umbruchs darstellten. In den Jahren der industriellen Revolution 1890 bis zu Beginn des 2. Weltkrieges 1939, auch noch etwas darüber hinaus, wurden gerade in Deutschland Orgelwerke mit damals sehr modernen pneumatischen und später elektro-pneumatischen Steuerungen unter Verwendung von Registerkanzellen-Wind laden hergestellt. Diese Fertigung war sehr industriell geprägt und brachte Orgeln mit sehr einheitlicher Klangcharakteristik hervor. Im Laufe der 1950er Jahre besannen sich Orgelbauer, Orgelsachverständige und Organisten auf die traditionellen Werte und Qualitätsmerkmale dieser »Königin der Instrumente«, sodass der mechanische Orgelbau unter Verwendung von Schleifwindladen wieder favorisiert wurde. Viele der dazu notwendigen Techniken von der Konstruktion bis zur Fertigung der systemischen Teile, der mechanischen Trakturen und Windladen, mussten neu erlernt und angewendet werden. Hinzu kam, dass in dieser Zeit neu artige Materialien, wie Aluminium, künstlich hergestellte Holzwerkstoffe (Spanplatten, Tischlerplatten) und auch Schaumstoffe auf Grund ihrer Vorteile (schnelle Verfügbarkeit, Leichtigkeit, Flexibilität, etc.) Einzug in den Orgelbau hielten. Heute wissen wir auf Grund jahrzehntelanger Erfahrung mit diesen Werk stoffen, dass sie auch viele Nachteile mit sich brachten und gerade in Punkto Haltbarkeit und Präzision nicht überzeugt haben.

Zusammengefasst haben wir folgende Substanz vorgefunden: ein historisches Prospektgehäuse, bestehend aus einem Ensemble mit Brüstungswerk und Hauptwerksgehäuse, das seine Ursprünge 1736 hat. Dazu das Pfeifenwerk und die abgängige Orgeltechnik aus den 1960er Jahren. Zusammen mit den Verantwortlichen der Abtei und dem Orgel sachberater waren wir uns einig darüber, dass die gute und wertvolle Substanz des Instruments, d.h. das historische Prospektgehäuse und ein Großteil des Pfeifenbestandes beibehalten werden sollten. Die Technik der Orgel sollte auf einen Stand gebracht werden, der zum einen Langlebigkeit und Beständigkeit garantiert und zum andern auch den höchsten spieltechnischen Ansprüchen gerecht wird. Der vorhandene Registerbestand der Orgel wurde im Wesentlichen von uns übernommen. Erneuert wurden alle Mixturen, die Zungenstimmen und die Aliquot-Register im Schwellwerk. In Zahlen ausgedrückt wurden von den 2.476 einzelnen Pfeifen des Instruments nun 1.226 Pfeifen (49,52 %) neu hergestellt.

Das ursprüngliche und nicht originale Brustwerk wurde von uns aus dem Hauptwerksgehäuse ausgebaut und durch ein dahinter positioniertes, großes Schwellwerk mit 16’-Basis ersetzt. Durch all diese Maßnahmen erhält das Pfeifenwerk mehr Platz zur Aussprache, die Obertönigkeit des Klanges wird gemildert und die Vielfalt der Klangvariationen wird vergrößert, um damit die musikalischen Verwendungsmöglichkeiten des Instruments zu erweitern. Darüberhinaus wird dadurch dem Klang der Orgel mehr Gravität verliehen.

Die vorhandene Spielanlage und die Windladen wurden aufgegeben. Übernommen und renoviert wurden der große Magazinbalg und das Orgelgebläse. Ein Hauptbestandteil der Orgel sind die neuen Windladen. Es handelt sich dabei um mechanische Schleifladen, welche dem Organisten ein sehr feinfühliges Spiel erlauben. Durch sehr dünne Holzleisten, den mechanischen Verbindungen zwischen den Tasten und den Tonventilen in den Windladen, den sogenannten Abstrakten, ist es dem Orgelspieler durch die Wahl seines Anschlages auf die Tasten möglich, Einfluss auf die Tonerzeugung und damit dem Erklingen der Pfeifen zu nehmen. Die Abstrakten bestehen aus sehr leichtem Zedernholz mit einem Querschnitt von 6 x 1 mm. Hintereinander angeordnet ergeben sie eine Gesamtlänge von 540 m.

Ebenso neu und in Eichenholz gefertigt wurde der Spieltisch. Das formschöne Spieltischdesign orientiert sich an klassischen Vorbildern und wurde sehr bedienerfreundlich gestaltet. Die Registerzüge sind aus Ebenholz gedrechselt. Die Registernamen stehen auf runden Porzellanplättchen, die in der Stirnseite der Registerzüge eingelegt sind. Die Betätigung der Register erfolgt durch eine elektrische Registersteuerung mit einer sogenannten »Setzeranlage« als Spiel hilfe. Diese ermöglicht es dem Organisten die sogenannte Registrierung, dies ist die Abfolge von Registern, also Klang farben, die er für ein Konzert oder für die Gestaltung des Gottes dienstes verwenden möchte, zuvor einzuspeichern und die einzelnen Registereinstellungen dann, wenn er sie benötigt, per Knopfdruck abzurufen. Die Anordnung der Teilwerke wurde wieder auf den historischen Bestand des 18. Jahrhunderts zurückgeführt. Das Niveau des Hauptwerkgehäuses haben wir um ca. 80 cm reduziert und wieder näher heran an das Brüstungsgehäuse gesetzt. Auf diese Weise hat der Orgelspieler mehr akustischen Kontakt zum hinter ihm positionierten Rückpositiv und dem Pedalwerk. Die Pedalregister wurden, bis auf die Zungen, wieder komplett im Brüstungswerk angeordnet. Dadurch wird die Trag fähigkeit und Klanghomogenität des Pedals als klangliches Rückgrat der Orgel gestärkt.

Alle unsere Anstrengungen zum Bau der Orgel gelten dem Streben nach Werthaltigkeit und Beständigkeit in Verbindung mit architektonischer und klanglicher Anmut.

Stephan Mayer
Orgelbaumeister

Bernhard Leonardy über die Improvisation zu den Kirchenfenstern von Gerhard Richter

Mut hat es gebraucht, mich an die Ausdeutung dreier Meisterwerke der Malerei eines der größten Genies unserer Zeit zu wagen. Angetrieben und beflügelt haben mich der Gedanke, diesem »Kunstwerk für eine Ewigkeit« eine interpretatorische Momentaufnahme der Erbauungszeit hinzuzufügen, ebenso die Freude darüber, durch mein persönliches Engagement Gerhard Richter für diese Aufgabe gewonnen zu haben, aber auch die ersten so edel-verwunschenen Klänge der neuen Orgel der »Manufaktur Mayer« in einem der schönsten Barockprospekte der Welt. Das Gegenüber dieses musikalischen Zeugnisses höchster Handwerkskunst und dreier Kirchenfenster mit vielleicht bisher unerreichter Farbkraft erhebt den Besucher gleichsam zu einer Reise von der materiellen zur immateriellen Welt, die Abtei als Gesamtkunstwerk lässt Transzendenz erahnen wie kaum ein vergleichbarer Ort.

Die Richter-Fenster in ihrer Kraft, Lebendigkeit und Dynamik verschließen sich einer Deutung in nur eine bestimmte Richtung. Jede, auch eine musikalische Deutung trägt daher eine sehr subjektive Interpretation und kann so eher den Anspruch auf persönliche Authentizität als auf Allgemeingültigkeit einfordern. Trotzdem möchten nachfolgende Überlegungen den Hörer meine musikalische Sicht der Dinge nachvollziehenlassen, aus der Überzeugung heraus, dass Glücksmomente teilbar seien: Als ich staunend am 7. März 2020 vor den ersten fertigen Fenstern der »Glaswerkstätten Gustav van Treeck« in München (Bayerische Hofglasmalerei) stand, kam ich mir vor, als ob ich durch eine ganz und gar einzigartige Kunstausstellung wanderte, denn jedes einzelne Fenster erzählte eine ganz eigene Geschichte in unendlich deutbaren Verästelungen. Lange Zeit wollte ich die berühmte »Promenade« aus den »Bildern einer Ausstellung« von Modest Mussorksky als Thema zwischen den drei »Bildfenstern« als Bindeglied und Vorlage zur Improvisation verwenden, bis mir als Eröffnungslied in einem Gottesdienst in der Basilika Saarbrücken am Morgen der nachmittäglichen Aufnahme eine reizvoll-beschwingt-fröhliche Melodie des Benediktinerpaters Gilbert König in die Hände fiel. »Dieser Tag ist Christus eigen«, eine ebenso auch kraftvoll-optimistische Melodie, entstanden und geboren in den 1930er Jahren, wie auch Gerhard Richter, ließ mich ganz sicher sein, diese verwenden zu sollen.

Von Beginn an assoziierte ich die verschiedenen Entwürfe der »Patterns«, Richters Vorlagen zu den Fenstern, auch mit orientalischen Motiven, vielleicht sogar einem Gebetsteppich verbunden mit Kreuzmotiven, einer Verbindung, nach der sich unsere Zeit sehnt. Daher habe ich bei der musikalischen Ausdeutung der beiden ähnlich gestalteten äußeren Fenster jeweils okzidentale und orientale Melodien als thematische Grundlage genommen. Das »christliche Fenster« deutet die Farben Blau (assoziiert mit Tiefe, Ferne, Meer, Maria, Kraft Gottes, Glauben etc.) und Rot (assoziiert mit Liebe, Abendmahl, Blut, Begeisterung etc.) in alten Liedern wie »Aus tiefer Not« oder »Ave maris stella«, die Farben des Fensters »sol oriens« deute ich in morgenländischer Symbolkraft der Farben Blau (Erde, Wasserspiegel, Lebensspender, Gott im Himmel etc.) und Rot (Feuer, Wärme, Trockenheit etc.) mit der thematischen Grundlage alter persischer Melodien und Volkslieder. Das mittige »göttliche« Fenster versucht eine Vereinigung der beiden äußeren durch die gemeinsame Deutung der Farben des Lichts in Verbindung mit »Schöpfung, Sonne, Herrlichkeit«, unter Bezugnahme auf den Choral »Wie schön leucht‘ uns der Morgenstern« oder das gregorianische Osterhalleluja. In dieses Strahlen leuchtet aber auch immer wieder ein »Judas mit dem gelben Mantel« oder ein »gelber Davidsstern« hinein. Möge sich eine immer neu zu den Menschen sprechende »Grünkraft« der Fenster in Verbindung mit einem Instrument, welches Klänge aus den verschiedensten Jahrhunderten und Kulturregionen in sich beherbergt, zu einem Wallfahrtsort aller Suchenden und Fragenden entwickeln, das Urmenschlich-Irdische wie das Unbekannt-Transzendente fest im Blick.

Bernhard Leonardy
Intendant der Musikfestspiele Saar